Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Rechte, die uns von Geburt an gegeben sind.

Jeder Mensch besitzt sie. Sie schützen uns vor staatlicher Gewalt, Willkür und Unfreiheit — und doch nehmen wir sie oft als selbstverständlich hin. Eine Geschichte darüber, wie sich die Welt in weniger als 80 Jahren grundlegend verändert hat.

Verabschiedet am 10. Dezember 1948 · Paris
01 — Ein Blick zurück

Die Welt im Jahr 1942

Was für uns heute die Basis unserer Freiheit ist, war damals für Millionen Menschen ein unerreichbarer Luxus.

Wenn wir in die Vergangenheit schauen, sehen wir, dass sich die Lage der Menschenrechte im Vergleich zu heute massiv verändert hat. Stellt euch eine Weltkarte aus dem Jahr 1942 vor, die misst, wie stark Bürger durch ihren Staat geschützt werden. Dunkle Bereiche stehen für einen hohen Index: Dort werden die Menschen vom Staat geschützt und besitzen Rechte.

Verbündete Länder wie die USA, Kanada und Großbritannien tragen denselben hohen Index — eine Folge ihrer Bündnisse während des Zweiten Weltkriegs. In Mitteleuropa aber liegt Deutschland bei einem Index von etwa 0 bis 0,1, dem geringsten Wert der gesamten Skala. Das bedeutete:

Keine Sicherheit. Kein Schutz vor staatlicher Gewalt. Keine Freiheit.Lage der Menschenrechte in Deutschland, 1942

So sah das Leben vor weniger als 80 Jahren aus. Vergleicht man diese Karte mit der heutigen Weltkarte, wird klar, welch enorme Transformation wir in historisch extrem kurzer Zeit erlebt haben. Ein massiver Fortschritt. Doch wie konnte das geschehen?

Interaktiv — Datengrundlage

Der Human Rights Index

Genau diese Veränderung lässt sich messen. Die folgende interaktive Karte zeigt den Human Rights Index — du kannst über den Zeitregler unten Jahr für Jahr durch die Geschichte wandern.

Der Index reicht von 0 (kaum Rechte) bis 1 (umfassende Rechte) und erfasst, inwieweit Menschen frei von staatlicher Folter, politischen Tötungen und Zwangsarbeit sind sowie Eigentums-, Bewegungs-, Religions- und Meinungsfreiheit genießen. Datenquelle: V-Dem (2026), aufbereitet von Our World in Data. Tipp: Ziehe den Zeitregler unter der Karte auf 1942 oder 1945, um den Kontrast zu heute zu sehen.

02 — Der Ausgangspunkt

Die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg

Als der Krieg 1945 endete, befand sich der Großteil der Welt in einer schweren Krise.

Um zu verstehen, warum die Menschenrechtserklärung entstand, müssen wir zunächst die Lage nach 1945 betrachten. Große Teile Europas und Deutschlands waren zerstört. In vielen Ländern war ein erheblicher Teil der städtischen Infrastruktur beschädigt oder vollständig vernichtet. Millionen Menschen waren obdachlos, Hungerkrisen plagten zahlreiche Länder — Großbritannien etwa führte sogar Lebensmittelrationierungen ein.

~60 Mio.
Menschen wurden direkt durch den Krieg getötet
~4 %
der damaligen Weltbevölkerung
1945
Ende des Zweiten Weltkriegs
50
Staaten trafen sich in San Francisco

Vor allem der Holocaust zeigte auf erschreckende Weise, welche Folgen die Missachtung der Menschenrechte haben kann. Genau diese Erfahrung wurde zum entscheidenden Antrieb für alles, was danach kam.

03 — Eine neue Ordnung

Die Gründung der Vereinten Nationen

Vom 25. April bis zum 26. Juni 1945 trafen sich Vertreter von 50 Staaten in San Francisco.

Als Reaktion auf die Folgen des Zweiten Weltkriegs kamen diese Staaten zusammen, und aus dem Treffen ging die Gründung der Vereinten Nationen hervor — kurz UN, im Englischen United Nations. Das zentrale Ziel wurde bereits damals in der Grundsatzerklärung der Charta deutlich gemacht.

„… to save succeeding generations from the scourge of war.“
„… künftige Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren.“ — Präambel der UN-Charta

Die Vereinten Nationen sollten den Frieden sichern, internationale Zusammenarbeit fördern und verhindern, dass sich die Schrecken der beiden Weltkriege wiederholen. Doch die Gründung allein reichte nicht aus, um dauerhaft Frieden und Stabilität zu sichern.

04 — Die Vordenker

Die Menschenrechtskommission

Es brauchte nicht nur Friedensverträge zwischen Staaten, sondern erstmals gemeinsame Grundrechte für alle Menschen.

Viele Politiker und Persönlichkeiten — darunter Eleanor Roosevelt, die Witwe des ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt — waren sich einig: Es brauchte ein gemeinsames Fundament. Bereits 1946 setzte die UN-Generalversammlung deshalb eine Menschenrechtskommission ein. Ihre Aufgabe war es, ein internationales Grundrechtsdokument zu entwerfen, das für alle Mitgliedsstaaten als gemeinsame moralische und politische Grundlage dienen sollte.

Die Kommission bestand aus 18 Mitgliedern aus verschiedenen Ländern, um eine möglichst weltweite Repräsentation sicherzustellen. Den Vorsitz übernahm Eleanor Roosevelt, die als erfahrene Politikerin und Diplomatin eine zentrale Rolle im gesamten Prozess spielte.

Die Schlüsselfiguren des Drafting Committee

Vorsitz · USA

Eleanor Roosevelt

Leitete die Kommission und vermittelte zwischen den politischen Lagern.

Kanada

John P. Humphrey

Entwickelte die grundlegende Struktur — den sogenannten „Blueprint".

Frankreich

René Cassin

Arbeitete den Blueprint zu einem vollständigen Entwurf aus.

Libanon

Charles Malik

Prägte die philosophische und kulturelle Ausrichtung des Textes.

05 — Ein internationaler Kompromiss

So entstand die Erklärung

Kein einfacher Text eines einzelnen Autors — sondern ein weltweit ausgehandelter Kompromiss.

Zunächst wurde das Thema im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (Economic and Social Council) behandelt. Dort entschied man, eine eigene Menschenrechtskommission zu gründen. Im Februar 1947 wurde innerhalb dieser Kommission ein spezielles Drafting Committee eingesetzt — ein kleineres Schreibgremium, das den eigentlichen Text ausarbeiten sollte.

Jeder einzelne Artikel wurde mehrfach diskutiert, verändert und überarbeitet. Ein bekanntes Beispiel: Die Formulierung „all men are created equal" wurde zu „all human beings are created equal" geändert — um deutlich zu machen, dass wirklich alle Menschen gemeint sind, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.

Der zentrale Konflikt

Gleichzeitig prallten unterschiedliche politische und kulturelle Vorstellungen aufeinander. Westliche Staaten legten großen Wert auf individuelle Freiheitsrechte wie Meinungs- und Religionsfreiheit. Sozialistische Staaten betonten stärker soziale und wirtschaftliche Rechte wie das Recht auf Arbeit und soziale Sicherheit. Am Ende wurde die Erklärung bewusst so formuliert, dass sie möglichst viele dieser Positionen vereint.

Der Weg zur Abstimmung

1946
Die UN-Generalversammlung setzt eine Menschenrechtskommission ein.
Februar 1947
Ein Drafting Committee wird gegründet. Humphrey erstellt den „Blueprint", Cassin den vollständigen Entwurf.
Juni 1948
Die Kommission nimmt den Entwurf mit 12 Stimmen dafür und keiner Gegenstimme an.
September – Dezember 1948
Die Generalversammlung berät in 81 Sitzungen über 168 Änderungsanträge.
10. Dezember 1948
Offizielle Abstimmung im Palais de Chaillot, Paris: 48 Staaten dafür, kein Staat dagegen, einige Enthaltungen.
81
Sitzungen in der Generalversammlung
168
Änderungsanträge
48
Staaten stimmten dafür
0
Staaten stimmten dagegen
06 — Der Inhalt

Was steht eigentlich drin?

Eine Präambel und insgesamt 30 Artikel, die sich in drei große Gruppen einteilen lassen.

Das Dokument beginnt mit einer Präambel — einer Einleitung, in der die grundlegenden Ziele und Werte beschrieben werden, auf denen die Erklärung basiert. Anschließend folgen 30 Artikel, in denen die wichtigsten Rechte und Freiheiten aller Menschen festgelegt werden.

Gruppe I

Persönliche Freiheitsrechte

Das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Gruppe II

Politische Rechte

Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und Versammlungsfreiheit.

Gruppe III

Soziale & wirtschaftliche Rechte

Das Recht auf Bildung, Arbeit und soziale Sicherheit.

Ausgewählte Artikel

  • Art. 1Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.
  • Art. 3Jeder Mensch hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.
  • Art. 19Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung.
  • Art. 26Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung.
07 — Greifbar gemacht

Was diese Rechte im Alltag bedeuten

Theorie wird konkret — an zwei Beispielen, die uns alle betreffen.

Meinungsfreiheit · Artikel 19

Die Meinungsfreiheit bedeutet, dass jeder Mensch seine Meinung frei äußern darf — etwa in Gesprächen, Zeitungen oder sozialen Medien. Natürlich gibt es Grenzen: Beleidigungen, Verleumdungen oder Aufrufe zu Gewalt sind auch in Deutschland nicht erlaubt. Trotzdem gehört die freie Meinungsäußerung zu den wichtigsten Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft.

Recht auf Bildung · Artikel 26

Für uns erscheint es selbstverständlich, jeden Tag zur Schule zu gehen. Doch weltweit haben auch heute noch Millionen Kinder keinen regelmäßigen Zugang zu Bildung. Die Menschenrechtserklärung macht deshalb deutlich, dass Bildung kein Privileg, sondern ein grundlegendes Recht jedes Menschen ist.

Der Einfluss auf das deutsche Grundgesetz

Viele dieser Grundsätze beeinflussten später die Verfassungen zahlreicher Staaten — darunter auch Deutschland mit dem neuen Grundgesetz, das am 24. Mai 1949 in Kraft trat. Besonders deutlich wird dies in Artikel 1:

Die Würde des Menschen ist unantastbar.Artikel 1, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland

Dieser Satz steht bewusst an erster Stelle und gilt bis heute als Fundament unserer Demokratie und unseres Rechtsstaates.

08 — Vom Damals zum Heute

Ein Meilenstein — und eine bleibende Aufgabe

Was 1945 mit 51 Gründungsstaaten begann, ist heute zur größten internationalen Organisation der Welt geworden.

Der 10. Dezember wird weltweit als Internationaler Tag der Menschenrechte gefeiert. Er erinnert jedes Jahr an die Verabschiedung der Erklärung und wird von Regierungen, Organisationen und Menschenrechtsgruppen genutzt, um auf ihre Bedeutung aufmerksam zu machen. Besonders zu Jubiläen — etwa dem 60. oder 70. Jahrestag — wurden internationale Kampagnen gestartet, etwa unter dem Motto „Dignity and justice for all of us" oder der #StandUpForHumanRights-Kampagne.

1945
51 Gründungsstaaten
Heute
193 Mitgliedsstaaten
Alle
bewohnbaren Kontinente vertreten

Mittlerweile gehören den Vereinten Nationen 193 Mitgliedsstaaten aus allen bewohnbaren Kontinenten an. Natürlich sind Menschenrechte bis heute nicht überall vollständig verwirklicht — doch verglichen mit der Situation im Jahr 1942 hat sich die Welt grundlegend verändert.

Eine Gegenbewegung?

Gleichzeitig zeigen aktuelle Entwicklungen, dass dieser Fortschritt nicht selbstverständlich ist. In einigen Regionen beobachten Forscher und Menschenrechtsorganisationen wieder Rückschritte: Kriege, die Einschränkung der Pressefreiheit, die Unterdrückung von Minderheiten und autoritäre Regierungen verschlechtern die Lage erneut.

Man könnte also sagen: Nach Jahrzehnten großer Fortschritte erleben wir heute teilweise eine Gegenbewegung. Die Geschichte der Menschenrechte ist deshalb noch nicht abgeschlossen. Auch heute bleibt es eine wichtige Aufgabe, die erreichten Rechte zu schützen und weiterzuentwickeln.